Martin Pollack

Anklage Vatermord
Der Fall Philipp Halsmann

Sachbuch

Morduch Halsmann war am 10. September 1928 gestorben und zwei Tage später am Innsbrucker Westfriedhof beigesetzt worden. Ohne Kopf. Der verblieb im Innsbrucker Institut für gerichtliche Medizin als Beweismittel. Erst am 8. August 1991 wurden die Gebeine Morduch Halsmanns exhumiert und gemeinsam mitsamt dem Kopf erneut bestattet. Der Leiter der Innsbrucker Gerichtsmedizin kam hinzu, verlangte eine erneute Exhumierung, um den Kopf amtlich zu identifizieren und frei zu geben. So geschah es auch.

Eine Pressemeldung über dieses (unrühmlich) letzte Kapitel der Affäre Halsmann weckte das Interesse Martin Pollacks. Das Ergebnis seiner langen Recherchen zu diesem einst international aufsehenerregenden Fall ist dieser spannende, dokumentarische Roman.

Inhalt

Die Bergtour, die Morduch mit seinem Sohn Philipp im Tiroler Zillertal macht, bildete die letzte Station der Europareise, die die Familie Halsmann im Sommer 1928 unternahm. In den Bergen kommt es zum tragischen Tod des Vaters, zu dem es nur den Bericht des Sohnes gibt: Er sei vorangegangen, habe plötzlich einen dumpfen Schrei gehört, sich umgedreht und den Vater stürzen gesehen. Daraufhin sei er zurückgeeilt, den Hang hinuntergelaufen und habe den Vater im Zamser-Bach blutend, aber noch lebend gefunden und den korpulenten Körper so gut es ging ans Ufer gezogen, ehe er loslief, um Hilfe zu holen.

Der Tod Morduch Halsmanns wird nicht als Unfall gewertet: Blut- und Schleifspuren werden gefunden, die Absturzstelle als ungefährlich bezeichnet und Gerichtsmediziner klassifizieren die Wunden am Kopf des Opfers als Folgen von brutalen Schlägen, die unmöglich nur vom Absturz herrühren können. Und ein theoretisch möglicher Dritter wird auf Grund der Zeugenaussage des Sohnes (und Tatverdächtigen) selbst ausgeschlossen.
Andererseits weist Philipp Halsmann keinerlei Blutspuren auf und das Verhältnis zum Vater – wie auch zu Mutter und Schwester – wird von allen als innig und harmonisch beschrieben.

Obwohl kein Tatmotiv gefunden werden kann, beginnt am 13. Dezember 1928 in Innsbruck der Indizienprozess gegen Philipp Halsmann. Doch nicht allein die Indizien sorgen für Aufregung.
Die Halsmanns waren Juden, noch dazu aus Osteuropa: eine gutbürgerliche Familie aus Riga. Morduch Halsmann war ein angesehener Zahnarzt (allerdings mit nur geringen Rücklagen), seine Frau Ita (vor ihrer Heirat) eine anerkannte Pädagogin, die Tochter Liuba lebte in Paris und Philipp studierte an der TU in Dresden. Ein eher verschlossener junger Mann, der (zumindest im 1. Prozess) allzu oft oberlehrerhaft und besserwisserisch wirkte.
Das "heilige Land" Tirol war hingegen erzkatholisch und bäuerlich geprägt – und der Antisemitismus sehr stark verbreitet. Dazu brauchte Tirol keine Nazis, die NSDAP war zu dieser Zeit noch eine kleine Gruppe: vom Alpenverein über die Tiroler Bauernzeitung und den Tiroler Antisemiten-Bund u.ä. bis hinauf zu den Kanzeln wurde gegen Juden offen und auch verdeckt gewettert. (In Tirol lebten 1928 ca. 500 Menschen mosaischen Glaubens). Andererseits war Tirol (schon damals) wirtschaftlich vom Tourismus abhängig und hatte daher kein Interesse, vom Ausland oder dem "roten Wien" als fremdenfeinliches Bundesland ohne Rechtssicherheit angesehen zu werden.

Der Prozess wurde zum Politikum und international heiß diskuttiert. Am 19. Oktober 1929 wird Philipp Halsmann schließlich wegen Totschlags zu 4 Jahren schweren Kerker verurteilt. Ein juristisch höchst fragwürdiges Urteil.
Auch als alle Rechtsmittel erschöpft waren, verschwand das Thema nicht aus den Medien und von den Kaffeehaustischen. Unzählige Institutionen, Gruppen und Prominente meldeten sich weiter zu Wort (darunter auch Sigmund Freud), nicht wenige bemühten sich um eine Begnadigung, die Philipp Halsmann stets abgelehnt hat, da sie kein Freispruch ist, sondern den Schuldspruch nur bestärkt.
Am 30. September 1930 wurde Philipp Halsmann begnadigt und ausgewiesen.

In Paris wird er als Philippe Halsman Fotograf. 1940 gelingt ihm mit seiner Familie die Flucht in die USA – mit Hilfe Albert Einsteins. Der absolute Neuanfang gelingt auch dort, mehr noch: er wird zu einem der begehrtesten und berühmtesten Fotografen der Welt.

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2004 / 2014

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Martin Pollack: Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann

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