William Shakespeare:

Othello, der Mohr von Venedig
Originaltitel: Othello, The Moor of Venice

Tragödie, etwa 1604

Inhalt

Othello ist durch und durch ein Kriegsmann, der gefeierte Feldherr Venedigs. Sein einziger "Fehler" ist sein Aussehen: er ist ein Maure (?) oder Afrikaner (und war auf abenteuerliche Weise nach Venedig gelangt). Dass sich eine Venezianerin in ihn verlieben könnte, erscheint vielen unmöglich. Und doch ist es so: Desdemona, die Tochter des Senators Brabantio, liebt Othello von ganzen Herzen und er sie. Daher feiern sie heimlich Hochzeit.

Doch Othello hat einen Feind in nächster Nähe: seinen Fähnrich Jago. Der hasst Othello: Zum Einen, weil der Feldherr Jago bei der Beförderung übergangen und den jungen Cassio zu seinem Leutnant ernannt hat; zum Anderen glaubt Jago das böse Gerücht, Othello habe eine heimliche Liebschaft mit Jagos Frau Emilia gehabt. Was Jago so gefährlich macht, ist seine Hinterlist.

Jago: Wenn ich ihm diene, dien ich nur mir selbst;
Der Himmel weiß es! nicht aus Lieb und Pflicht,
Nein, nur zum Schein für meinen eignen Zweck.
[…] Ich bin nicht, was ich bin! — Shakespeare: Othello 1,1 ( Ü: Wolf Graf von Baudissin)

Allen erscheint er als hilfreicher Freund und hält sich bei allen Intrigen so weit wie möglich im Hintergrund. Sein Werkzeug ist der junge Rodrigo, der in Desdemona verliebt ist.

Der erste Versuch, Othello zu schaden, ist, Desdemonas Vater Brabantio (lauthals) über die heimliche Hochzeit seiner Tochter mit Othello in Kenntnis zu setzen. Der empörte Vater glaubt an Zauberei, die Desdemona gefügig gemacht habe. Die Angelegenheit endet vor dem Herzog von Venedig. Aber Othello und Desdemona können die Natürlichkeit und Freiwilligkeit ihrer Liebe glaubhaft machen. Brabantio muss sich den Tatsachen fügen.

Venedig hat ganz andere Sorgen: Die türkische Flotte bedroht Zypern, das unter venezianischer Herrschaft steht (siehe unten: Zypern bis 1571). Othello wird mit der Flotte dorthin entsandt, um Zypern zu retten, und seine frisch Vermählte erhält die Erlaubnis, ihn zu begleiten.

Als sie auf Zypern landen, ist die Gefahr bereits beseitigt: ein Sturm hat die feindliche Flotte versenkt. Othello kann sich in Ruhe seiner Aufgabe als Gouverneur widmen, Jago der Intrige: Er animiert Cassio, mehr zu trinken als er verträgt, und lässt Rodrigo ihn provozieren, sodass Cassio schließlich auf Montano, den Statthalter auf Zypern, losgeht und diesen verwundet. Der herbeigerufene Othello enthebt Cassio daraufhin seiner Pflichten.

Der "gute Freund" Jago rät dem am Boden zerstörten Cassio, Desdemona um Hilfe zu bitten: Sie soll sich bei Othello für ihn einsetzen. Gleichzeitig macht er ihn bei Othello auf raffinierte Weise schlecht: Jago deutet seinem Feldherrn nur an, gibt sich zurückhaltend, scheinbar zerrissen zwischen den Freundschaft zu Cassio und seiner freundschaftlichen Loyalität zu Othello. So unterstellt Jago Desdemona und Cassio ein heimliches Verhältnis. Je mehr sich Desdemona für Cassio einsetzt, um so verdächtiger erscheint dies Othello und umso glaubwürdiger erscheint Jagos Lüge.

Die Ungewissheit, die Othello mehr und mehr plagt, beseitigt Jago letztlich mit Beweisen: Das Taschentuch, das Othello einst Desdemona geschenkt hat, und ein belauschtes Gespräch: Desdemona verliert das Liebespfand beiläufig, ihre Kammerzofe Emilia findet es und händigt (unbedacht) es ihrem Mann Jago aus, der es – wohl wissend um die Bedeutung – bei Cassio "verliert". Bald darauf überredet Jago seinen Feldherrn, ihm beim Gespräch mit Cassio zu belauschen: Jago gibt vor, Cassio über seine Beziehung zu Desdemona ausfragen zu wollen, lenkt aber in Wahrheit das Gespräch auf Cassios Liebelei mit der Kurtisane Bianca. Als diese ausgerechnet noch mit Desdemonas Tuch auftaucht und Cassio unterstellt, dieses von einer neuen Geliebten zu haben, ist Othello restlos von den Lügen Jagos überzeugt.

Jago und der rasend eifersüchtige Othello fassen Mordpläne für das angebliche Liebespaar, als Lodovico mit Nachrichten aus Venedig kommt: Cassio soll der neue Gouverneur von Zypern werden, Othello aber heimkehren. Ein letztes Mal versucht Othello Haltung zu bewahren, schlägt aber Desdemono in Gegenwart Lodovicos und Jagos.

Den inzwischen enttäuschten "Freund" Rodrigo überredet Jago, Cassio heimtückisch zu ermorden, doch das Attentat misslingt trotz Jagos Beisein. Den verletzten Rodrigo tötet Jago, um ihm keine Chance zu lassen, den Herbeieilenden die Wahrheit zu verraten.
Othello schließt aus dem Lärm, dass Cassio seine Strafe erhalten hat und versucht Desdemona zu töten. Emilia kommt ins Zimmer, um Othello vom Attentat auf Cassio zu informieren, da kann die sterbende Desdemona noch letzte Worte sprechen: sie erklärt ihren Tod zum Selbstmord. Doch rasch nimmt Othello die Schuld auf sich.

Während Emilia die Unschuld ihrer Herrin gegen die Anschuldigungen Othellos verteidigt, kommen auch Montano, Gratiano und Jago hinzu. Othello führt das Liebespfand als Beweis an – da erkennt Emilia den Urheber aller Lügen. Ohne sich – wie sonst – von Jago einschüchtern zu lassen, erzählt sie den wahren Hergang bezüglich des Tuches und wird von Jago erstochen.

Jagos Flucht hat ein rasches Ende, doch Othello kann die Zeit nutzen, sie erneut zu bewaffnen. Als Jago von Lodovico, Cassio, Montano und anderen Offizieren wieder ins Zimmer geführt wird, verwundet ihn Othello.

Lodovico: Nehmt ihm sein Schwert!
Jago: Ich blute, doch ich lebe!
Othello: Sonst tät es mir auch leid: du sollst noch leben!
Denn wie ich fühl, ist Tod Glückseligkeit! — Shakespeare: Othello 5,2

Nachdem Othello auch den Rest der Wahrheit erfahren – in Rodrigos Taschen wurde ein Bekenntnisbrief gefunden – und sich bei Cassio entschuldigt hat, nimmt sich der Verzweifelte das Leben.

Hintergrund

Schauplatz der Tragödie ist Zypern, das zu Shakespeare’s Zeiten bereits dem Osmanischen Reich angehörte (siehe unten: Zypern bis 1571). Das ebenfalls erwähnte Rhodos – 1. Akt, 3. Szene – wurde schon 1522/1523 nach einer langen Belagerung von den Johannitern geräumt. Der Zeitpunkt der Handlung ist also vor 1522 gedacht.

Vorlage für den Othello-Stoff war eine Novelle von Giraldo Cinthio, in der ein Maure durch einen rachsüchtigen Fähnrich dazu gebracht wird, seine Frau Disdemona zu töten. (Der Maure erscheint dort weit weniger edel als Shakespears Othello und der Mord als eine Warnung für alle europäischen Frauen.)

Zypern bis 1571

Die Insel Zypern war 58 v.Chr. der hellenistisch-ägyptischen Dynastie der Ptolemaiern weggenommen und unter die Herrschaft Roms gestellt worden. Über tausend Jahre blieb die Insel Teil des (Ost)Römischen Reiches.

Im Zuge der Expansion des Osmanischen Reiches und der daraus resultierenden Probleme für Byzanz, wurde Zypern 1184 unter Isaak Dukas Komnenos selbstständig. Doch schon 1191, während des 3. Kreuzzuges (1189–1192), wurde die Insel von Kreuzrittern unter Richard I. (Plantagenet) von England erobert. Bald darauf erkaufte sich die französische Adelsfamilie Lusignan den zypriotischen Thron. Unter Guido von Lusignan (1192–1194) und seinen Nachfolgern wurde Zypern zu einem wichtigen Bollwerk gegen die Osmanen. Die Heirat (1472) der venezianischen Patriziertochter Caterina Cornaro (1454–1510) mit dem letzten zypriotischen König Jakob II. (1440–1473) besiegelte eine Allianz zwischen Venedig und Zypern. Doch Jakob II. starb bald nach der Hochzeit. Da kurz darauf auch sein Sohn und Nachfolger Jakob III. (1473/1474) starb, erbte Caterina Cornaro den Thron.

1489 dankte Caterina Cornaro ab und in Zypern begann die Zeit der venezianische Herrschaft, die bis 1571 dauerte. Nach monatelangen Belagerungen eroberten die Osmanen Zypern. Die von der "Heiligen Liga" aufgestellte Flotte kam zu spät.

Seeschlacht von Lepanto

Doch noch im selben Jahr (1571) kam es zur Seeschlacht von Lepanto, bei der die Flotte der "Heiligen Liga" – nicht zuletzt Dank der modernen Galeassen, die Venedig insgeheim hatte entwickeln und bauen lassen – die türkische Flotte besiegte. Mit dieser Niederlage verloren die Osmanen ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit und die uneingeschränkte Herrschaft der türkischen Flotte im Mittelmeer war vorbei.

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11.4.2005

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